Die Unterhose


Meine Mutter und ich, wir haben immer zusammen Weiberfastnacht gefeiert. Und irgendwann sind wir dann auch gegangen und haben uns als Pippi-Langstrumpf kostümiert. Das heißt, man geht her, fängt auf der Neusser Strasse an und geht durch die Lebensmittelgeschäfte, und da kriegt man dann hier und da auch einen Schnaps. So, und den kann man jetzt drinken oder lassen. Und ich hatte mir dann also vorgenommen, den Schnaps immer zu drinken, meine Mutter nicht. Und dann sind wir in die Stadt gefahren und sind dann in eine Kneipe gegangen. Da wurde es Mittags zwei Uhr, und da war ich bereits stäänegranatevoll (=absolutely plastered). Und meine Mutter war sauer darüber. Und da war ein Freund von mir, und da hat die mich dem an die Finger gedrückt und hat gesagt: "Pass auf meine Tochter auf, die ist mir zu besoffen. Ich will feiern." Da ist die abgehauen. So, und dann hat der Lutz mich überall mit hingeschleift, auf jede Fete. Dann hatte ich noch so Schuhe an, die waren hochgeschnürt, ganz alte Dinger aus der Jahrhundertwende. Die hat er mir immer ausgezogen, die Schuhe, hat mich in eine Ecke gelegt und hat mir die nachher wieder angezogen. Und dann weiter.


Und dann sind mir irgendwann am Rhein gelandet, "Tabu” (=name of a bar) war das, glaube ich, damals. Und da saß ich und sah mittlerweile aus wie der Klöckner von Notre-Dame, der sich als Pippi Langstrumpf kostümiert hat. Ja, und um mich herum, da waren alles so ganz junge Mädchen, bauchfrei und mit Flitter und schön, und ich saß da. Mir hingen die Augen auf den Knien, und ich habe mich doch ziemlich geschämt und wollte nach Hause. Da war es aber schon fünf Uhr morgens. Und jetzt hatte ich nachgeschaut und hatte keinen Pfennig Geld mehr in der Tasche. Da hat der Lutz, der mich mitgenommen hat, wahrscheinlich immer sich auch an meinem Portemonee bedient. Wenn es etwas zu bezahlen galt, das hat der immer von mir genommen, bezahlt. Jedenfalls hatte ich noch nicht einmal einen Heiermann (=fünf Mark), um mit einem Taxi nach Hause zu fahren.


Dann bin ich in dem Lokal betteln gegangen und hab gesagt: "Hast du nicht einen Heiermann für mich?" Jeder hat mich angeekelt angeschaut, hat sich gedacht: "Was will die Alte? Das ist ja widerlich!" Bis sich irgendeiner erbarmt hat. Und er hat mir dann das Geld gegeben. Den kannte ich auch, dem hab ich das nachher wiedergegeben. Auf jeden Fall komme ich morgens so halb sechs nach Hause, da liegt der Duja hier im Bett, der Taxi gefahren ist. Liegt der im Bett wie ein Zerberus: "Wo kommst du her?" Sag ich: "Duja, nicht jetzt, morgen. Morgen! Ich kann nicht mehr." Sagt er: "Ich hab sechszehn Stunden gearbeitet, du kommst morgens um halb sechs nach Hause. Kannst du mir einmal sagen, wo du warst?" Sag ich: "Jetzt nicht. Morgen."


Am nächsten Morgen klingelt es bei uns. Da war das die Uschi, welche über mir wohnt, und sagt: "Gigi, du wolltest mir doch das Pippi-Langstrumpf-Kostüm leihen." Und ich lag noch im Bett, und da lag das so irgendwie, sag ich: "Das liegt hier. Such es dir zusammen!" Und da sagt sie: "Ich habe alles. Da fehlt nur die Unterhose." Und da sagt der Duja: "Uschi, kannst du dir das vorstellen, ich hab sechszehn Stunden gearbeitet, die Gigi kommt morgens um halb sechs nach Hause und hat noch nicht einmal eine Hose an." Jedenfalls, der war furchtbar empört, der ließ sich auch gar nicht beruhigen. Die Uschi ging, und dann, paar Stunden später, klingelt es wieder, da kommt meine Tante herein. Die steht mit ihrem tunesischen Ehemann in der Tür vom Schlafzimmer, der Duja immer noch so im Bett, sagt: "Trude, stell dir vor, ich hab sechszehn Stunden gearbeit, die Gigi kommt morgens um halb sechs nach Hause, total besoffen, und hat noch nicht einmal eine Hose an!" Und da sagt die Tante: "Mein Gott, Duja, was regst du dich denn so auf? Was kann die Hose denn kosten?"



Translation by Axel Schmetzke, University of Wisconsin-Stevens Point, Library, Oct. 24, 2000

Original text and Audio file at Akademie för uns kölsche Sproch.