Vergiftete SchokoladeAuf dem Dorf gab es damals auch noch Autoritäten. Heute ist das nicht mehr so der Fall. Der Apotheker, der Doktor, der Lehrer, der Bürgermeister, das waren Leute, die allgemein akzeptiert wurden, die ihren eigenen Stammtisch hatten in der Kneipe. Der Dokter, das war ein ganz besonderer Typ. Kinder gingen ja nicht gerne dorthin, und der hat dann uns jedes Mal zur Belohnung eine Eule gemalt. Der konnte sehr gut malen, und am besten konnte er Eulen malen. Und weil wir dann von dem ein Bildchen kriegten, wo der eine Eule gemalt hatte, sind wir dahingegangen. Fiel uns das leichter.
Ich erinnere mich, daß ich einmal vor dem seiner Praxis auf der Mauer gesessen habe und habe ein Stück Schokolade gegessen, ein Stück Schokolade, was ich in der Kriegszeit auf dem Bürgersteig beim Schulegehen gefunden hatte, und bei dem ich Bedenken hatte, es hätte ja vergiftet gewesen sein können. Damals hatte man uns ja gewarnt, daß die Alliierten, die Engländer, die Amerikaner, vergiftete Schokolade oder Kamellen abwerfen täten. Und wie ich das Stück Schokolade nun fand auf dem Bürgersteig, schön eingepackt in Stanniol (=metalic wrapper), habe ich das in die Hosentasche gestopft und bin in die Schule gegangen, habe aber dann in der Schule während des Unterrichts immer wieder ein Stückchen davon abgebissen und probiert, ob es mir schlecht wurde. Und wie es mir dann immer noch nicht schlecht war, in der Pause habe ich dann noch ein Stückchen gegessen, bis daß ich dann am Ende von der Schule das größte Stück noch in der Tasche hatte, und habe mich dann aber immer noch nicht getraut, das auf einmal zu essen. Ich habe gedacht, wenn es dir schlecht wird und wenn es vergiftet ist, dann muß Hilfe in der Nähe sein.
So bin ich dann zu dem Sanitätsrat (=title) Doktor Klemens hingegangen, habe mich vor dem seiner Praxis auf das Mäuerchen gesetzt und habe die Schokolade ganz genüßlich gelutscht. Ich wußte ja, es konnte mir nichts passieren. Wenn es mir schlecht geworden wäre, wäre ich hineingegangen. Aber es war nicht nötig.